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Rezensionen zum Sammelband „Hörspielplätze“

Zur Neuerscheinung „Hörspielplätze. Positionen zur Radiokunst“ (hrsg. von Hörspielsommer e. V.) gibt es inzwischen zwei Rezensionen. Martin Becker hat den Band für das Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur besprochen:

„Der ‚Leipziger Hörspielsommer‘ ist einer der wichtigsten Tummelplätze für alle, die mit Hörspiel zu tun haben. Die Neuerscheinung resümiert die Geschichte des Festivals. […]

Vielfältig sind die ‚Hörspielplätze‘, man kann Stücke hören, zu denen es sonst keinen Zugang gibt – weil sie unveröffentlicht sind oder nie gesendet wurden. Mal sind die Arbeiten clean produziert und professionell gesprochen, mal sind sie wüst und ungehobelt. […]

Alle Produktionen auf der ‚Hörspielplätze‘-CD kommen aus der freien Szene, das heißt: Sie sind nicht in den Studios der Rundfunksender entstanden, sondern in der eigenen Wohnung, am eigenen Küchentisch, im eigenen, kleinen Aufnahmeraum. Sie klingen deshalb nicht zwangsläufig amateurhaft. Aber haben oft den Charme des Improvisierten – weil sie ohne Budget, ohne teures Tonstudio, ohne große Schauspieler auskommen müssen. Oft stimmt dafür aber die Energie […]

Das Schöne an den ‚Hörspielplätzen‘: Theorie und Praxis stehen gleichwertig nebeneinander. Die CD am Stück zu hören wäre eindeutig zu viel. Ebenso verhält es sich mit dem Buch: Natürlich liest man sie gern, die Protokolle der Podiumsdiskussionen von Redakteuren, Regisseuren und freien Hörspielmachern, natürlich ist es spannend, sich mit kulturwissenschaftlichen Aspekten des Hörspiels auseinander zu setzen – aber nach einem mitunter verkopften Beitrag freut man sich wieder über ein sperriges, ungebändigtes Stück Gegenwartshörspiel […].“ (DKultur, 8.7.2011)

Ralf Julke schreibt in seiner Rezension für die Leipziger Internetzeitung:

„So unüberbrückbar wie noch vor zehn Jahren sind die Unterschiede zwischen der Produktion der Sender und der der freien Autoren nicht mehr. Und so bildet dieses Buch auch gleich ein halbes Dutzend intensiver Diskussionen ab, bei denen die Veranstalter des Hörspielsommers ebenso zu Wort kommen wie die Autoren der freien Szene und Vertreter der öffentlichen Radios. Dabei geht es um die Produktionsbedingungen, die natürlich für viele freie Hörspielproduzenten reine Selbstausbeutung sind. Ohne Garantie für einen finanziellen Erlös irgendeiner Art. Denn die möglichen Hauptabnehmer für Hörspiele sind auch heute noch jene öffentlich-rechtlichen Radiosender, die auch über die gut ausgestatteten Studios verfügen und selbst Hörspiele für ihren Bedarf produzieren. Zumeist in klar definierten Genre-Grenzen mit knapp kalkulierten Studiozeiten und professionellen Regisseuren. […]

Doch die Diskussionen und Essays in diesem Buch zeigen auch, dass sich die Landschaft noch immer verändert, dass über Distributionswege und neue Wege zu öffentlicher Wirksamkeit recht intensiv nachgedacht wird. […]

Es ist ein Buch, das die Sorgen, Möglichkeiten, Freuden und Spielräume der heutigen Hörspiel-Kunst ausleuchtet. Ein Buch, das schon im Layout signalisiert: hier wird gearbeitet und diskutiert. […]

Diese Diskussion mit den Künstlern der freien Hörspielszene wird auf jeden Fall noch weiter gehen. Die Entwicklungen im Internet werden sie befeuern.“ (L-IZ, 13.6.2011)

Neuerscheinung: „Hörspielplätze. Positionen zur Radiokunst“

Der vor einigen Monaten hier im Weblog angekündigte Sammelband „Hörspielplätze“ mit Beiträgen zum Hörspiel, zur freien Hörspielszene und zur Radiokunst ist inzwischen erschienen. Die Publikation wurde vom Hörspielsommer e. V. im Verlag Voland & Quist herausgegeben und beinhaltet auch eine MP3-CD mit insgesamt 16 Hörspielen, die beim Leipziger Hörspielsommer in den Jahren 2003 bis 2010 prämiert wurden.

Der Band enthält im Einzelnen folgende Aufsätze:

— Anja Frank, Twyla Chantelau, Tina Klatte: Einleitung (S. 11-23)

1. Ein Amateur liebt, was er tut. Hörspiel zwischen Sendeanstalt und Heimstudio
— Johannes Lindenlaub: Ein Wechselbad entspannender Gefühlslagen. Auf der Suche nach der ganz speziellen Hörspielsommeratmosphäre (S. 26-37)
— Simone Schütz: Im Schatten des Sendemastes. Eine kleine Geschichte der freien Hörspielszene (S. 38-51)
— Podiumsdiskussion: Etablierte und Außenseiter. Zum Verhältnis von Profis und Amateuren in der Hörspielproduktion (S. 52-77)
Mit Christoph Bungartz (Moderation), Luise Boege, Sophia Littkopf, Steffen Moratz, Melanie Ott, Paul Plamper und Beiträgen aus dem Publikum
— Katrin Zipse: Selbstausbeutung, Selbstbespaßung. Produktionsbedingungen der freien Hörspielszene (S. 78-85)

2. Ein Wort ins Ohr gepresst. Hörsituationen
— Frank Schätzlein: Der „aufmerksame Hörer“. Zur Diskursgeschichte des Hörspiel- und Radio-Hörens (S. 88-101)
Podiumsdiskussion: Leben und Hörspielen im Zeitalter der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne (S. 102-133)
Mit Christoph Bungartz (Moderation), Hermann Bohlen, Helgard Haug, Torsten Michaelsen, Regina Randhofer, Frank Schätzlein, Julia Tieke und Beiträgen aus dem Publikum
— Wolfgang Hagen: Nur ganz kurz. Anmerkungen zu den kürzesten Hörspielen („Wurfsendungen“) (S. 134-141)

3. Im ästhetischen Zwischenraum. Theoretische Betrachtungen
— Barbara Büscher: Radiophone Ereignisse: Zum Verhältnis von Live-Aufführungen und medialen Aufführungsformaten (S. 144-157)
— Michael Wehren: „Gemeinschaftsarbeit“. Aufmerksamkeit, Geste und Hör-Spiel bei Brecht und LIGNA (S. 158-171)
— Eva Gruber: Das Hörspiel im Spiegel des „Acoustic Turn“. Kulturwissenschaftliche Perspektiven (S. 172-184)

Anhang
— Verzeichnis der Autoren und Diskussionsteilnehmenden (S. 187-191)
— Die ausgezeichneten Stücke des Hörspielwettbewerbs des Leipziger Hörspielsommers (S. 193-211)
Angaben zur CD (S. 213)

Voland & Quist stellt die Einleitung des Bandes als Leseprobe zur Verfügung:

Hörspielsommer e. V. (Hrsg.): Hörspielplätze. Positionen zur Radiokunst. Dresden: Voland & Quist 2011. ISBN: 978-3-938424-86-5, 214 S. + CD
Textauszug und Vorschau bei Google Books und Amazon
Kaufen bei Buchhandel.de, Amazon, Buecher.de, Buch.de, Buchkatalog.de, Libri oder direkt beim Verlag Voland & Quist

Hörspielredaktionen und Hörspielsendeplätze

Ich habe die Links zu den Hörspielredaktionen der öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogramme im deutschsprachigen Raum wieder auf den aktuellen Stand gebracht. Zusätzlich liste ich hier noch einmal alle Websites der Redaktionen zu den einzelnen Sendeplätzen und Programmen auf, sodass sich diese Inhalte schneller finden lassen:

Bayerischer Rundfunk (BR): Hörspiel und Medienkunst

Deutschlandfunk (DLF)

Deutschlandradio Kultur (DKultur)

Hessischer Rundfunk (HR)

Mitteldeutscher Rundfunk (MDR)

Norddeutscher Rundfunk (NDR)

Radio Bremen (RB) Nordwestradio

Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB)

Saarländischer Rundfunk (SR)

Südwestrundfunk (SWR): Hörspiel und Ars Acustica

Westdeutscher Rundfunk (WDR): Hörspiel und Studio Akustische Kunst

Deutsche Welle (DW)

Österreichischer Rundfunk (ORF): Hörspiel und Kunstradio

Schweizer Radio (DRS): Hörspiel

(Stand: 11/2012)

http://www.frank-schaetzlein.de/links/hoerspiel-links.htm#redaktionen

Die Fußballreportage als Radiokunst

Zu Tilman Küntzels „World Cup ’06 Radio Commentaries in Native Tongues Synchronous Recordings“

Live-Reportagen und besonders Sportreportagen gehören seit der Einführung des Mediums Radio zu den spektakulärsten Programmereignissen mit den höchsten Zuhörerzahlen. Neben dem Hörspiel, dem Feature und der Funkoper bzw. der radiophonen Musik ist die Sportreportage eine der genuinen, medienspezifischen Darstellungs- und Sendeformen des Radios. Sie besitzt eine ganz auf das Medium und seine Rezeptionsbedingungen zugeschnittene Dramaturgie, für die verschiedene Faktoren kennzeichnend sind: Live-Prinzip, Konferenzschaltung, Doppelmoderation, ggf. Staffelmoderation, Spontaneität des Sprechens, eine spezifische Sprache und ein hoher Stellenwert der sogenannten Atmo des Aufnahmeortes. So versuchte man bereits bei den frühen Fußballreportagen des deutschen Hörfunks in den Jahren 1925/1926 mit Hilfe von Mikrofonen hinter dem Torraum und im Zuschauerbereich möglichst viel von der Atmo im Stadion einzufangen (vgl. Schumacher 1997, S. 454).

Die Charakteristika der Radio-Fußballreportage wurden in unterschiedlichen Beiträgen zur Radiotheorie immer wieder als die spezifischen Eigenschaften des Mediums beschrieben. Auch nach siebzig Jahren Programmgeschichte sieht sie beispielsweise der Hörspielmacher Andreas Ammer weiterhin im Zentrum des Radios. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Hörspielspreises der Kriegsblinden für das Jahr 1994 fragt er: „Was ist das Radio? Es hat in den über halbhundert Jahren seines Bestehens vor allem zwei Kulturformen entwickelt, für die es wie geschaffen scheint: Damit meine ich zunächst einmal nicht das Hörspiel, nein, ich spreche eher von der Fußball-Live-Reportage oder der Nachrichtenshow und vor allem von der Hitparade, den zweifellos erfolgreichsten Sendeformen. Diesen Umstand gilt es als jemand, der für dieses Medium arbeiten will und es nicht als Wurmfortsatz oder Sponsor einer schriftstellerischen oder kompositorischen Arbeit begreifen will, sorgfältig zu bedenken. Denn die Live-Reportage und die Nachrichtensendung bringen die Schnelligkeit des Mediums auf den Punkt; sie sind die Texte, die im Radio funktionieren“ (Ammer 1995, S. 196).

Das Fußballreportage lebt von der Spontaneität des Sprechens bzw. der Reporter, von der genauen Beschreibung des Geschehens bei gleichzeitiger sprachlicher ‚Verdichtung’, der Anpassung der Sprechgeschwindigkeit an das Tempo des Spiels bzw. das Bewegungstempo der Sportler, von Wortspielen und -schöpfungen, sprachlicher Verkürzung und Redundanz und vom gezielten Einsatz der Sprechpause (als Mittel der Spannungssteuerung oder um Geräusche bzw. die Atmo im Stadion deutlich hörbar zu machen, z. B. den Torjubel oder die Fangesänge). (Vgl. Scheu 2004).

Vor allem in der Hochzeit des sogenannten O-Ton-Hörspiels war Fußballreportagen sowie Gesänge und Stimmen vom Fußballplatz immer wieder Gegenstand und Materialpool innovativer Radioproduktionen. [Weiterlesen …]

Aufsatz: Frank Schätzlein: Die Fußballreportage als Radiokunst. Essay zu Tilman Küntzels „World Cup ’06 Radio Commentaries in Native Tongues Synchronous Recordings“. Berlin 2006. Online: http://www.tkuentzel.de/soundwall/pages/schaetzlein.html und http://www.frank-schaetzlein.de/texte/hoerspieldramaturgie.htm. Aufsatz als Download im PDF-Format