Radiotheorien

Aus medienwissenschaftlicher Sicht lassen sich in Bezug auf das Radio die drei Bereiche Radiogeschichte, Radioanalyse und Radiotheorie unterscheiden (vgl. Hickethier 2003: 332 f.). Dabei kommt der Radiotheorie die Aufgabe zu, die „Gesetzmäßigkeiten“ des Mediums zu erforschen, zu beschreiben und zu systematisieren. Die Aussagen der Theorie und die Darstellungen der Radiogeschichtsschreibung werden durch Analysen in Einzeluntersuchungen von konkreten Programmen und Sendungen überprüft. Umgekehrt entstehen wissenschaftliche Theorien des Radios erst durch die Analyse des Mediums bzw. der Medienprodukte (vgl. Faulstich 1981) oder auch durch die Verallgemeinerung von Beobachtungen und Erfahrungen in der Medienpraxis. Und schließlich gibt es auch Wechselbeziehungen zwischen der Radiotheorie und der Radiogeschichte (vgl. Hagen 2005): Denn zum einen liefert die Geschichte des Mediums das Material für die Entwicklung von Theorien, zum anderen können Theorieansätze umgekehrt auch Impulse und Orientierungspunkte für die Radiogeschichtsschreibung liefern oder als Gegenstand einer Theoriegeschichte des Radios fungieren.

Radiotheorien können als in sich geschlossene Systeme von allgemeingültigen Aussagen über die Merkmale, Strukturen und Funktionen des Mediums Hörfunk verstanden werden – das Medium soll dabei tendenziell als Ganzes erfasst werden (nicht nur ein einzelner Teilbereich wie beispielsweise nur die Sendeform Hörspiel oder ausschließlich die Radionutzung bzw. der Rezeptionsvorgang). Der Begriff „Radiotheorie“ wird jedoch in der Öffentlichkeit, in der Medienpraxis und auch in der Wissenschaft mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Die Auseinandersetzung mit Radiotheorien wird dadurch verkompliziert, dass zum Teil (historische) Diskurse über das Radio als „Theorie“ eingestuft werden, obwohl es sich nicht um Arbeiten mit dem Anspruch einer Einzelmedientheorie handelt.

Um Radiotheorien und Texte, die als Theorien des Radios ‚verkauft‘ oder gelesen werden, inhaltlich besser zu verstehen, methodisch einordnen und in ihrem Nutzen bewerten zu können, ist es sinnvoll, Kriterien für ihre Beschreibung und Kategorisierung zu kennen. In der ersten Hälfte dieses Kapitels sollen deshalb zunächst die Verwendungsformen des Begriffs voneinander abgegrenzt sowie Konzepte und Systematisierungsmodelle der Radiotheorien vorgestellt werden, danach werden in der zweiten Hälfte einzelne Theorien und auch solche Beiträge, die im Nachhinein als Radiotheorien rezipiert wurden, kurz vorgestellt. […]

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Frank Schätzlein: Theorien. In: Hans J. Kleinsteuber: Radio. Eine Einführung. Unter Mitarbeit von Ralph Eichmann, Uwe Hasebrink, Corinna Lüthje, Norman Müller und Frank Schätzlein. Wiesbaden: VS – Verlag für Sozialwissenschaften 2012, S. 37-62.

1. Radiotheorien – die deutsche Perspektive (S. 37)
2. Theorie vs. Praxis – Individualtheorien – Radiotheorien (S. 38)
3. Kontexte und Fachbezüge (S. 39)
4. Reichweite und Gegenstände (S. 39)
5. Phasen und Typen (S. 40)
6. Entwicklungslinien der Radiotheorie (S. 42)
7. Einzelmedientheorien des Radios im Überblick (I):
utopische, medien- und gesellschaftskritische Ansätze (S. 43)
8. Einzelmedientheorien des Radios im Überblick (II):
wissenschaftlich-systematische Ansätze (S. 47)
9. Ausblick (S. 52)
10. Radiotheorien – der internationale Stand (von Hans J. Kleinsteuber) (S. 52)
11. Fragen zur Wiederholung und Vertiefung (S. 60)
12. Definitionen und Erklärungen (S. 61)

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