„Lebendig, wie zu Boom-Zeiten“ – Interview zum Hörspiel

Anna Lischper (HNA): Was zeichnet ein gutes Hörspiel aus?

Frank Schätzlein: Ein gutes Hörspiel arbeitet mit akustischen Materialien und dramaturgischen Mitteln so, dass es einen ‚künstlerischen Mehrwert‘ hat gegenüber dem Lesen bzw. Buch, dem Theater, dem Film. Die Materialien, also Wort, Geräusch, Atmo, Musik und Stille, müssen in der dramaturgischen bzw. radiophonen Gestaltung etwas Spezifisches erschaffen, das allein durch das Hören entsteht.

Was versteht man eigentlich unter einem Hörspiel?

Mehrere Definitionen existieren nebeneinander. Das breite Spektrum reicht vom klassischen, literarischen Hörspiel über dokumentarische Mischformen bis hin zur abstrakten Klangkunst. Das Hörspiel entwickelt sich stets weiter und wird dabei beeinflusst von der Musik, dem Theater, der Literatur und der Medienkunst – eine einzige Definition ist kaum möglich.

Was ist der Unterschied zwischen einem Hörspiel und einem Hörbuch?

Beim Hörspiel geht es um die radiophone Inszenierung. Es wird nicht nur ein Text vorgetragen, sondern mit den Mitteln der Tontechnik, des akustischen Instrumentariums gearbeitet. Also mit Sprache genauso wie mit Lauten, Geräuschen, Musik und Stille, Raumakustik, Effekten, Sounddesign usw.

Seine Hochzeit hatte das Hörspiel, als es noch kein Fernsehen gab. Wie steht es denn aktuell damit?

Das Hörspiel ist äußert lebendig. Es gibt die traditionellen Produktionsorte, die Studios der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, aber auch eine freie Hörspielszene mit eigenen Festivals. Die Vielfalt reicht von populären Kriminalhörspielen bis hin zur Hochkultur und speziellen Formen der Klang- und Radiokunst.

Es ist also noch zeitgemäß?

Absolut. Es ist eine Kunstform neben anderen. Aber eine Form, die sich künstlerisch immer wieder in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt. Das ändert sich auch nicht durch Film, Fernsehen und multimediale Spielformen, die bestimmte Funktionen übernommen haben.

Wer in der Nachkriegszeit ein Radio hatte, bei dem trafen sich die Nachbarn zum Hörspielhören. Und heute?

Es gibt viele Konstellationen, in denen Hörspiel gehört wird. Vor dem Radio, im Auto, als Podcast vom Smartphone, bei Live-Veranstaltungen im kleinen und großen Kreis. Bundesweit stellen Hörspielfestivals die Live-Präsentation in den Vordergrund.

Geht es da nur um Unterhaltung oder auch um mehr?

So unterschiedlich wie die Ausprägungen sind auch die Funktionen des Hörspiels. Es geht nicht nur um spannende Krimis, kurzweilige Unterhaltung, sondern auch um die radiophone Umsetzung von literarischen Texten oder Theaterstücken, um Gesellschaftskritik im Originalton oder um das Ausloten der Grenzbereiche zu anderen Kunstformen, die Weiterentwicklung der Hörspiel-Dramaturgie.

Wie verändern neue Medien die Hörkunst?

Dadurch ergeben sich viele neue Möglichkeiten. Man kann das Publikum auf eine andere Weise erreichen, Produktionen online stellen – die guten Download-Zahlen sprechen dafür, dass dieses Angebot gerne angenommen wird. Und man kann Stücke realisieren, die mit neuen technologischen Möglichkeiten arbeiten. Interaktive Hörspiele zum Beispiel, die nur über das Internet oder mobil mit dem Smartphone rezipiert werden können.

Das Interview von Anna Lischper (HNA) erschien in redigierter Fassung unter dem Titel „Lebendig, wie zu Boom-Zeiten“ in: Hessische/Niedersächsische Allgemeine (11.11.2015), S. 34.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *